Mythos mit Sicherheitsnetz: Fable 5 ist Anthropics stärkste KI für alle
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Zu stark für die Öffentlichkeit – so beschrieb Anthropic im April sein KI-Modell Mythos. Jetzt ist eine Version davon frei verfügbar, allerdings mit angezogener Handbremse.
Ein Unternehmen entwickelt ein KI-Modell, erklärt es für zu gefährlich – und veröffentlicht es dann doch. Genau das hat das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic gestern getan. Gefährlich, das war einst Claude Mythos Preview.
Ein Modell, zwei Namen – und ein Sicherheitsnetz dazwischen
Am 9. Juni 2026 hat Anthropic zwei neue Modelle veröffentlicht, die auf besagtem Mythos basieren. Die Namen: Claude Fable 5 und Claude Mythos 5. Beide sind technisch gesehen dasselbe Modell mit einer identischen Architektur und identischem Können.
Einen kleinen, aber feinen Unterschied gibt es dann doch. Fable 5 hat eingebaute Sicherheitsfilter. Wer nach Cyberangriffen, Biologie oder Chemie fragt, bekommt keine Antwort, zumindest nicht von Fable 5. Das Modell leitet solche Anfragen dann automatisch an Opus 4.8 weiter, Anthropics bisheriges Spitzenmodell. Das passiert jedoch nicht klammheimlich: Der Nutzer wird darüber informiert.
Mythos 5 arbeitet indessen ganz ohne diesen Cyber-Filter. Hier gibt es jedoch einen „Sicherheitsfilter“ der besonderen Art: Claude Mythos 5 steht nämlich nur einem handverlesenen Kreis zur Verfügung – dem sogenannten Project Glasswing. Darauf gehen wir später noch einmal genauer ein.
Noch ein Wort zur Namensgebung, die natürlich kein Zufall ist, sondern bewusst gewählt wurde. „Fable" kommt vom lateinischen „fabula", „Mythos" vom griechischen „mythos". Beide bedeuten dasselbe – „das Erzählte". Genau wie Fable 5 und Mythos 5: dasselbe Modell, nur mit unterschiedlichen Regeln.
Was Fable 5 wirklich kann
Genug Theorie. Jetzt zu den harten Fakten beziehungsweise der Frage, was das Modell wirklich kann. Hier ein paar Beispiele:
Der Stripe-Test: Der Zahlungsdienstleister wollte seine Software modernisieren. Konkret bedeutete das: 50 Millionen Zeilen Programmcode in eine neue Struktur überführen. Das ist so viel Arbeit, wie es sich anhört. Ein menschliches Team hätte dafür mehr als zwei Monate gebraucht. Fable 5 erledigte das Ganze an EINEM Tag.
Finanzanalyse: Das KI-Modell liest Geschäftsberichte, analysiert Tabellen und wertet Diagramme aus. In einem standardisierten Leistungstest für Finanzaufgaben, dem sogenannten Hebbia Finance Benchmark, schneidet es besser ab als alle anderen getesteten Modelle. Fable 5 arbeitet auf dem Niveau eines erfahrenen Analysten.
Ausdauer: Fable 5 hat einen ausgesprochen langen Atem. Das heißt, je länger eine Aufgabe dauert, desto stärker wird sein Vorsprung gegenüber Opus 4.8. Fable 5 bleibt über Millionen von Token hinweg fokussiert, legt sich eigene Notizen an und verbessert damit seine Ergebnisse fortlaufend. Anthropic testete das unter anderem mit dem digitalen Kartenspiel „Slay the Spire": Mit Zugang zu einer Notiz-Datei erreichte Fable 5 das Finale dreimal häufiger als Opus 4.8.
Bildverarbeitung: Fable 5 erkennt, was auf Bildern zu sehen ist. Es liest Zahlen aus komplizierten Diagrammen ab und baut Webseiten nach, die man ihm nur als Screenshot zeigt. Und es hat das Spiel Pokémon FireRed durchgespielt, allein dadurch, dass es auf den Bildschirm „schaute".
Project Glasswing: Warum Mythos unter Verschluss bleibt
Im April 2026 startete Anthropic „Project Glasswing" – ein Programm, das klingt wie aus einem Spionagethriller. Die Idee war folgende: Ausgewählte Organisationen erhalten Zugriff auf Mythos ohne die Cyber-Sicherheitsfilter. Gut zu wissen: Über das Project Glasswing hatten wir schon im April einen Blogartikel geschrieben.
Die Teilnehmerliste liest sich wie das Who's who der Tech-Welt: AWS, Apple, Google, Microsoft, Nvidia, CrowdStrike, die Linux Foundation. Mittlerweile sind rund 200 Organisationen in über 15 Ländern dabei. Ihre Aufgabe: Schwachstellen in kritischer Software finden, bevor Angreifer es tun. Über 10.000 schwerwiegende Sicherheitslücken haben sie bereits entdeckt.
Der Hintergrund ist ernst. Mythos erkennt Software-Schwachstellen so zuverlässig, dass Anthropic das Modell für zu riskant hielt, um es frei zugänglich zu machen. Denn dieselbe Fähigkeit, die eine Verteidigerin nutzt, könnte auch ein Angreifer missbrauchen. Die BBC beschrieb Mythos sinngemäß als ein KI-Programm, das bei Technologie-, Finanz- und Regierungsführern für Aufregung sorgte.
Die Sicherheitsfilter im Detail
Wie funktioniert die Trennung zwischen Fable und Mythos in der Praxis? Separate KI-Systeme – sogenannte Klassifikatoren – prüfen jede Anfrage, bevor Fable 5 antwortet. Erkennen sie ein Risiko, übernimmt Opus 4.8. Der Nutzer sieht dann einen Hinweis.
Drei Bereiche sind betroffen:
Cybersicherheit: Keine Hilfe bei Exploit-Entwicklung oder Angriffsplanung
Biologie und Chemie: Eingeschränkte Antworten bei potenziell gefährlichen Forschungsfragen
Destillation: Schutz gegen das systematische Abschöpfen von Modellfähigkeiten
Anthropics eigene Zahlen: In über 95 Prozent aller Gespräche greifen die Filter nicht. Wer also eine Tabelle analysieren, einen Text schreiben oder Code debuggen lässt, merkt keinen Unterschied zu Mythos 5.
Über 1.000 Stunden Bug-Bounty-Tests fanden keinen universellen Weg, die Sicherheitsfilter zu umgehen. Allerdings räumt Anthropic ein, dass die UK AISI „Fortschritte in Richtung eines solchen" erzielt hat. Absolute Sicherheit gibt es nicht – aber die Hürde liegt hoch.
Was es kostet – und wie lange es gratis bleibt
Fable 5 und Mythos 5 kosten zehn Dollar pro Million Eingabe-Token und 50 Dollar pro Million Ausgabe-Token. Weniger als die Hälfte des bisherigen Mythos-Preview-Preises – aber immer noch das teuerste allgemein verfügbare KI-Modell am Markt.
Wer ein Claude-Pro-, Max- oder Team-Abo besitzt, nutzt Fable 5 bis zum 22. Juni 2026 ohne Aufpreis. Danach wird auf Token-Basis abgerechnet. Anthropic will das Modell „so schnell wie möglich" wieder ins Standard-Abo aufnehmen – sobald die Kapazitäten reichen.
Was das alles bedeutet
Anthropic spielt ein Spiel mit hohem Einsatz. Die Botschaft: „Wir haben etwas gebaut, das so stark ist, dass wir es nicht vollständig freigeben können." Das ist Warnung und Werbung zugleich. Ob die Sicherheitsfilter langfristig halten, wird sich zeigen. Ob die Leistung den Preis rechtfertigt, ebenfalls.
Fest steht: Fable 5 verschiebt die Grenze dessen, was KI-Modelle eigenständig erledigen können. Wer Aufgaben hat, die viel Ausdauer brauchen, zum Beispiel lange Dokumente, große Codebasen oder mehrtägige Analyseprojekte, bekommt hier ein Werkzeug, das bisher nicht existierte.
Glossar
Benchmark: Ein standardisierter Test, mit dem KI-Modelle verglichen werden – ähnlich einem Leistungstest für Autos auf der Rennstrecke.
Destillation: Das systematische Abschöpfen der Fähigkeiten eines KI-Modells, um damit ein anderes Modell zu trainieren.
Exploit: Eine Methode, mit der eine Software-Schwachstelle ausgenutzt wird.
Klassifikator: Ein separates KI-System, das Anfragen prüft und als unbedenklich oder riskant einstuft.
Token: Die kleinste Einheit, in der ein Sprachmodell Text verarbeitet. Ein Token entspricht etwa einem Wort oder einer Silbe.
Quellen
Anthropic: „Claude Fable 5 and Claude Mythos 5"
BBC: „Version of AI tool too powerful for public releases to public"
CyberScoop: „Anthropic expanding access to Project Glasswing"
heise online: „Anthropics Claude Mythos 5 erscheint als Fable 5 mit Schranken"
Reuters: „Anthropic rolls out public version of Mythos without cybersecurity capability"
VentureBeat: „Anthropic brings Mythos to the masses with Claude Fable 5 , its most powerful generally available model ever"



